LiteraTour 6:
Worb (SBB) - Gysenstein - Tägertschi - Münsingen

Mit Glausers «Matto regiert» zu Besuch im Psychiatriezentrum Münsingen

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«Der Teufel ist schon lange tot, aber Matto lebt»

von Dominique Strebel

Einsam steht der Bahnhof Tägertschi über dem Dorf. Es ist ein gepflegter Bau. Geranien blühen, ein Brunnen plätschert. Und sonst ist Ruhe. Kein Mensch ist zu sehen. Selten steigt hier jemand aus oder zu. Doch plötzlich hetzt ein junger Mann in Jacket und braunen Hosen den Hang herauf. Seine sieben Sachen in einem Bündel unter dem Arm schaut er sich mehrmals um, bevor er die Schalterraum betritt. Er löst ein Billet und verschwindet mit dem nächsten Zug Richtung Luzern.

Wir schreiben das Jahr 1919. Der Mann heisst Friedrich Glauser, ist 23jährig und beendet mit dieser Flucht auf eigene Faust eine eineinhalbjährige Internierung in der «Irrenanstalt Münsingen», die unterhalb Tägertschi im Aaretal liegt. In Glausers Krankengeschichte finden sich dazu zwei lakonische Zeilen: «1. VII. 1919 - Brennt heute Nachmittag unter Mitnahme eines Teiles seiner Effekten (eine Kleidung, ein paar Hosen + Hemden in einem Paket) durch. Wie wir durch ein Küchenmädchen vernehmen, hat er in Tägertschi ein Billet nach Luzern gelöst + demselben auch mitgeteilt, dass er sich nach Lugano wenden werde.»

Eigentlich hätte Glauser für immer in Münsingen interniert bleiben sollen. Psychiater hatten über ihn ein Gutachten geschrieben, nachdem er ein Velo gestohlen hatte, um seinen Morphiumkonsum zu finanzieren. Ihr Befund: Er leide an Hebephrenie, an Jugendirresein - ein Etikett, das die Psychiatrie Anfang des 20. Jahrhunderts als Sammelbegriff für anormales Verhalten verwendete. Sie schrieben: «Wir wissen genau, dass er sogar intellektuell abwärts geht u. es zeigt sich das auch in seinen Publicationen. - Kann in jeder Abteilung gehalten werden unter der Bedingung, dass sie nicht ganz offen ist u. dass kein Geld herumliegt, was z. Z. auch in den bern. Anstalten nicht der Fall sein wird.» Der Stempel sass. Ein Leben lang. Da half keine Flucht...



Der Autor: Dominique Strebel, geboren 1966, ist Redaktor bei plädoyer, dem Magazin für Recht und Politik, und freier Journalist. Er lebt in Zürich.

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