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LiteraTour 4: Schwarzenegg – Süderen - Heimenschwand
Wie eine Gemeinde Opfer der eigenen Landschaft wird
Alexander Heimanns Dorfstudie «Die Glätterin»


von Dominique Strebel

Als Alexander Heimann nach der Wanderung von Schwarzenegg nach Heimenschwand in Bern aus dem Zug steigt, wird er nicht verhaftet. Er geht unbehelligt an der Polizeikaserne vorbei nach Hause und bleibt ein freier Mann. Eigentlich ein Wunder.

Der Juli-Tag ist heiss. Thun liegt unter einer Dunstglocke tief unten im Aaretal. Autolärm ist nur noch aus weiter Ferne zu hören. Das Dorf Schwarzenegg ruht auf 920 Metern über Meer. Die gelben Felder waren durchsetzt von rotem Mohn, dahinter verloren sich die langgestreckten Hügelzüge des Buchholterberges. Aber auf der andern Seite, hin zu den Bergen, deren Silhouetten sich im Hitzedunst abzeichneten drängten sich Wälder und Weiden zusammen, staute sich die Landschaft in immer steiler werdenden Kuppen und Buckeln, auf die eine weissglühende Sonne unbarmherzig herniederbrannte.
Die Kuppen und Buckel aus Heimanns Kriminalroman «Die Glätterin» haben Namen: Sigriswiler Grat, Sieben Hengste, Hohgant. Sie ragen mächtig hinter Schwarzenegg auf. Im Dorf verbreiten satte Emmentaler Bauernhäuser Gemütlichkeit. Vor den Fenstern blühen Geranien, und in der Sonne plägeren Bäris.


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Schwarzenegg ist eine kleine Idylle für jeden, der nicht den Fehler macht und im Restaurant Kreuz-Pinte die Gegend mit den Worten lobt: Das Emmental sei halt schon schön. Dann schaut der Polizist von seinem Rivella auf, und der Tischnachbar, der seit mehr als zehn Minuten auf den Polizisten einredet, unterbricht den Redeschwall. «Schwarzenegg ist nicht im Emmental», korrigiert die Wirtin. «Schwarzenegg liegt im Übergang zum Oberland». Und wenn man dann noch nie etwas von Rudolf von Tavel, dem grossen Berner Schriftsteller und Gelehrten aus dem 19. Jahrhundert, gehört hat, dann ‘bhüt di Gott’. Rudolf von Tavel beschrieb die Gegend als «das stille Land hinter der Fluh, wo Oberland und Emmental über harte Nagelfluhkämme hinweg in verschwiegenem Tann die Hand sich reichen». Zur Verteidigung könnte man höchstens das Geographische Lexikon der Schweiz von 1906 zitieren: «Gehört politisch zum Amtsbezirk Thun, würde sich aber der geographischen Lage und der Mundart der Bewohner nach eher ans Emmenthal anschliessen.» Über die Bevölkerung von Schwarzenegg weiss besagtes Lexikon zu berichten: «Die arbeitsame und einfache Bevölkerung ist von Aussen her bis jetzt noch wenig beeinflusst geblieben, so dass Schwarzenegg in mancherlei Hinsicht als der Typus einer Berner Landgegend gelten kann.»


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Alexander Heimann sitzt in der Kreuz-Pinte am Holztisch, schiebt sein Glas in der kleinen Bierlache herum und sagt nicht viel. Er wirkt bullig, wenn auch freundlich. Er sitzt da wie einer, der Erlebnisse in sich hineinfrisst und dann plötzlich explodiert. Buchhändler war er sein Leben lang und las solange Kriminalromane, bis es keinen mehr gab, der ihm gefiel. Dann musste er selbst einen schreiben. Das war 1980, als Heimann gerade 43 Jahre alt war. Sein erster Krimi ist eine Befreiungsgeschichte, notabene, wo ein biederer Familienvater mit einer rothaarigen Göhre die Welt neu entdeckt. Vier Jahre später schrieb Heimann «Die Glätterin». Er liebt die Gegend hier. Es ist die Landschaft der Ferien seiner Kindheit.
«Die Landschaft regt meine kriminelle Phantasie an», sagt Heimann, als wir uns Richtung Oberei auf den Weg machen. Hier sei alles so «geierig». So wie Geier, die kreisen und warten bis das Opfer tot zusammenbricht. Heimann bleibt stehen, blickt gegen die immer steiler werdenden Kuppen und Buckel und zeigt auf einen der typischen Hügel (,der aus dem Emmental stammen könnte). Darauf steht einsam ein Baum. Der warte doch förmlich darauf, dass ein Blitz ihn spalte, meint Heimann. Oder jenes einsame Haus am Waldrand mit tief heruntergezogenem Dach, das verberge doch mindestens eine Inzucht und einen Mord im Affekt. «Selbst eine Liebesgeschichte würde unter meinen Händen in dieser Landschaft zum Kriminalroman werden.» Ein Blick auf die Karte verstärkt Heimanns Eindruck: Die Landschafts- und Ortsnamen heissen hier Wolfrichti, Feistergraben, Schlötterengraben, Grauestei, Wachseldorn oder Süderen. Da beruhigen Güezischwändi und Tanzboden nur noch wenig.


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Vor dem Weiler Schwand bleibt Heimann stehen. Grillen zirpen. Bussarde kreisen. Irgendwo kreischt eine Säge. Dann sagt er: «Hier könnte es gewesen sein.» Als die meisten Rütener aus der Käserei zurückgekommen waren und bei weit offenen Küchentüren am Tisch sassen, die nackten Arme aufgestützt, das von einem Kind hinuntergeleierte Gebet bereits weggewischt wie Brosamen, als sie da sassen, ihre Rösti kauten oder auch ihre Makkaroni, dazu dünnen Milchkaffee schlürfend, gellte auf einmal und wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein Hilferuf durch das Dorf. Zwei Mädchen wollten den Unhold gesehen haben, der in jenem August 1949 die Gegend unsicher machte und bereits zwei Mädchen des Dorfes umgebracht hatte. Deshalb schrien sie um Hilfe und nicht umsonst. Jeder griff sich, was am nächsten lag, ein Werkzeug oder einen Stecken, kein einziger nahm sich die Zeit, sein Fahrrad zu holen. Sie spritzten, allen voran der Briefträger, wie wahnsinnig in sein Horn blasend, zum Dorf hinaus, Kind und Kegel hintendrein. Es entlud sich die ganze Angst und Unsicherheit des Dorfes, denn seit einigen Tagen verdächtigte jeder jeden. Das erste Opfer war die junge Sollberger Erika gewesen, die in Thun unten zur Lehre ging, ihre Zehennägel farbig anmalte und auch sonst «ungeschämt» herumlief. Das zweite Opfer war die Züsi, die Serviertochter vom Restaurant Eintracht. Das Dorf schmorte im eigenen Saft, weil Ernst Stucki, der Fahnder aus Thun, den Hauptverdächtigen wieder frei gelassen hatte - einen Verdingbuben, der kurz vor Erika Sollbergers Tod mit ihr gesehen worden war. Das Gerücht ging um, der Gemeindepräsident, der Briefträger und der Eintrachtwirt hätten mit Sollberger Erika und der Züsi etwas gehabt. Darum griff das Dorf erlöst zu Axt und Heugabel an jenem Abend im August 1949, um den Mörder im Wald zwischen Schwand und Stalden zu lynchen.


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Kurz nach Schwand geht der Wanderweg vom asphaltierten Weg ab und führt querfeldein. Die Bauern haben ihre Arbeit nach der Mittagsruhe wieder aufgenommen. An Lynchen denkt im Moment niemand. Das geschnittene Gras wird gewendet. Wer nicht mit dem Traktor über die gemähten Wiesen fährt, knattert mit Helm, graublauen Überkleidern und Plastikstiefeln auf Töfflis in die Tannenwälder, die die Chrächen gegen die Honegg mit einem dunklen Pelz überziehen. Alle grüssen freundlich. «Solange es knattert, hat man hier nichts zu befürchten», meint Heimann. Warum wehte kein einziges Lüftlein, warum konnte nicht endlich ein Gewitter losbrechen, warum schwiegen die Grillen, warum waren die Hügel und Wälder um Rüti herum so schwarz und der Himmel darüber grau, wie ein Leichentuch? Stucki stiess einen einzigen kurzen Fluch aus, dann ging er gegen die hohle Gasse zurück. Später fing er an zu rennen.
Fahnder Stuckis sportliche Anstrengung nützte nichts: Er sollte trotzdem zu spät kommen. Doch das machte nichts - auch ohne des Fahnders Hilfe ging die Attacke auf die junge Lehrerin glimpflich aus. Dann aber steigerte sich die Spannung in Dorf und Landschaft zum Unerträglichen. Der Himmel hatte eine zusehends kranke Farbe, im Westen zog sich das Gewitter zusammen, ein drohender Wolkenwall wälzte sich langsam über den Horizont, noch war nicht der geringste Windhauch zu verspüren. Die Rütener standen in der Hitze vor ihrem Schulhaus, stumpf, beinahe apathisch.


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Heimann blickt zum Himmel auf. Noch zeigt sich kein Wölkchen. Die Sonne brennt ungehemmt. Wir ziehen an der Gemeindeverwaltung von Wachseldorn vorbei, die im Dorf Süderen steht. Hier hats einen prächtigen Bären, der aber just an diesem Tag geschlossen ist. Wir gehen weiter der Schallenbergstrasse entlang nach Oberei. Dort trägt die Käserei ein stolzes Schild «Es gratulieren zur Goldmedaille - die Milchlieferanten», und die Wirtin vom Restaurant «Löwen» kredenzt einen halben Weisswein mit Hobelkäse. Köstlich.
Als wir uns gegen vier Uhr Richtung Heimenschwand wieder aufmachen, lastet die Hitze schwer. Während die beiden Männer nun weitergingen, um endlich den Mörder zu holen, notfalls auch zu suchen, wenn er sich doch davongemacht haben sollte, trieb ihnen der Sturm ganze Wolken von Getreidestaub und Strohhalmen entgegen, das Unwetter brach über die vor ihnen liegende Anhöhe herein und ein schwerer, undurchsichtiger Vorhang aus Hagelkörnern und Regen ging nieder.
Wir biegen um die Ecke eines Bauernhauses, das einsam am Wegesrand steht. Da gibt der Bäri an, beginnt teuflisch zu bellen und reisst an seiner Kette. Das Glasperlengehänge zittert leicht im Türrahmen, der Vorhang am Fenster bewegt sich, doch weder in der Tür noch am Fenster ist jemand zu sehen. Heimann sagt leise: «Wird heute Abend in diesem Gebiet eine Leiche gefunden, so werden wir verhaftet. Das ist sicher.»


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LiteraTour-Info
Einstufung:
Gehzeiten: 2,5 h (1,5 h bis Süderen/Oberei; 1,5 h bis Heimenschwand)
Höhendifferenz:100m von Süderen nach Heimenschwand
Beste Jahreszeit: ganzes Jahr begehbar (im Winter oft über dem Nebel). Alexander Heimanns Kriminalroman spielt in den Tagen nach dem 10. August 1949.
Karten: Landeskarten 1:50'000, Blätter 243 Bern und 244 Escholzmatt
An-/Rückreise: Mit dem Zug von Bern nach Thun (19 Minuten; Fahrplanfeld 280), mit dem Bus ab Bahnhof Thun nach Schwarzenegg (Haltestelle Schwarzenegg Post;25 Minuten; Fahrplanfeld 300.60). Zurück nach Thun ab Heimenschwand; 25 Minuten; Fahrplanfeld 300.60).


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Route: Schwarzenegg – Süderen – Heimenschwand.
Die Route ist gut ausgeschildert. Von der Haltestelle Schwarzenegg geht der Wanderweg vor der Kreuz-Pinte rechts von der Hauptstrasse ab, nach etwa 100m folgt man den geteerten Strässchen rechts Richtung Oberei. Nach Schwand überquert man eine Brücke und folgt danach nicht rechts dem Wald entlang, sondern den mittleren Naturweg, geht auch bei der nächsten Kurve geradeaus, passiert den 2. Bach und steigt über Wiesen geradewegs den Hügel hinan. So geht es von Wanderwegzeichen zu Wanderwegzeichen querfeldein weiter bis man vor Süderen auf eine schmale geteerte Strasse einbiegt, die ins Dorf führt. Kurz vor dem Einmünden in die Schallenberg Strasse geht in spitzem Winkel links der Wanderweg in eine hohle Gasse ab. Den gelben Wanderwegschildern nach gelangt man durch Wälder und über Wiesen ins Naturschutzgebiet Wachseldornmoos. Hier gibt’s viele Heidelbeeren. Vom Wachseldornmoos gelangt man in 20 Minuten nach Heimenschwand. 100 Meter von der Postautohaltestelle entfernt, steht das Restaurant Bären mit einer schönen Laube, die zum Trunke lädt.
Von Heimenschwand kann die Wanderung über Aeschlenalp-Falkenfluh nach Oberdiessbach fortgesetzt werden. Zusätzliche Wanderzeit ca. 2_ h. In Oberdiessbach und Umgebung spielt «Dezemberföhn», ein weiterer Kriminalroman von Alexander Heimann. Von Oberdiessbach ist Tägertschi zu Fuss in ca. 2h oder per Bahn in ca. 40 Minuten erreichbar. Dort beginnt LiteraTour 6 («Matto regiert»).

Variante
Auf aussichtsreichen Höhen rund ums Hochplateau – die Tatlandschaft immer im Blick. (Schwarzenegg–Honegg–Turner–Schallenberg–Naters–Oberei Wanderzeit: 4_ h). Nach 15-minütiger Asphaltwanderung taleinwärts schwenkt der Wanderweg rechts ab und zieht sich über Bergweiden und durch kurze Waldstücke über einen Alprücken zur Honegg empor. Herrlicher Blick ins Thuner Westamt, zu den Gipfeln des Kandertals und zum Talabschluss am Hohgant. Kurz nach Chnübeli durch die waldbestandene Nordflanke der Honegg und über die Aussichtshöhen Turner–Schallenberg zur Natersalp, der schönsten Aussichtskuppe des oberen Emmentals. Kurzer, zum Teil recht steiler Abstieg nach Oberei.


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Essen
In Schwarzenegg, Oberei/Süderen und Heimenschwand gibt‘s verschiedene Restaurants für genüssliches Essen und Trinken en route. In Heimenschwand steht 100 Meter von der Postautohaltestelle entfernt das Restaurant Bären mit einer schönen Laube. Etwas unterhalb von Heimenschwand auf dem Rückweg nach Schwarzenegg lohnt sich ein Besuch des Hotel Rohrimoosbad.

Schlafen
In Thun gibt es eine Fülle von Hotels. Zu empfehlen ist das Hotel Emmental (Tel. 033 222 01 20), das jeden Sonntag von 10.00 bis 14.00 ein Frühstücksbuffet anbietet. Das Hotel hat zehn DZ (sFr. 160.–) und zwei EZ (sFr. 80.–). Im Winter sind die Preise ermässigt. In Schwarzenegg gibt’s nur das Hotel Bären (Tel. 033 453 11 12) mit sechs DZ (sFr. 50.– pro Person) und drei EZ (sFr. 55.– pro Person). Etwas unterhalb von Heimenschwand liegt das Hotel Rohrimoosbad (Tel. 033 453 14 21 oder www.rohrimoosbad.ch). Es bietet neun DZ (sFr. 50.– pro Person) und drei EZ (sFr. 50.–) an.

Information
Über das nahgelegene Eriztal: Eriztal Tourismus, Linden, 3619 Eriz, Tel. 033 453 24 54 oder www.eriz.ch; über die Stadt Thun und Umgebung: Info-Center Thun, Postfach 149, 3600 Thun, Tel. 033 222 23 40 oder www.thuntourismus.ch

Tondokumente

Track 4 der beiliegenden CD: Der Kriminalautor Alexander Heimann begründet, was an der lieblichen Landschaft ob Thun so kriminell ist.

zugehörige Literatur
- Alexander Heimann: Die Glätterin, Edition Erpf, Bern 3. Auflage 1994
- Alexander Heimann: Dezemberföhn, Cosmos Verlag, Bern1998
- Geographisches Lexikon der Schweiz, Verlag von Gebrüder Atinger, Neuenburg 1906
- Alfred Aeschlimann et al., Eriz zwischen Emmental und Oberland, Fischer 1981

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Website zum Buch «Mordsspaziergänge»
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